Saturday, 25. November 2006
Flammend Herz


Rezension von Blickpunkt: Film
Tattoos sind modisches Attribut, bewundertes oder belächeltes Ornament am Körper. Es gab Zeiten, in denen Tätowierungen den Ruch von Knasterfahrung oder genereller Andersartigkeit trugen und verpönt waren. Davon zeugt das Porträt, das Oliver Ruts, in der Kunst bewandert, und Andrea Schuler in ihrem Debütfilm von drei rüstigen Männern zeichnen, die zwischen 86 und 91 Jahre alt und durch die Leidenschaft für Ganzkörpertätowierungen verbunden sind. Karlmann Richter, Herbert Hoffmann und Albert Cornelissen erzählen aus ihrem Leben und zeigen stolz die kleinen Kunstwerke auf ihrer Haut.

Die drei hatten sich in den 60er Jahren in Hamburg kennen gelernt, wo sie in Herberts 'Ältester Tätowierstube' nahe der Reeperbahn arbeiteten, lebten und Freunde wurden. Als sie sich für den Film wieder sehen sind sie zwar durch einen Erbschaftsstreit belastet, aber Harmonie und Selbstbewusstsein siegen. Ihre Lebensgeschichten, ihre Homosexualität (nur Albert ist Hetero) und die Reihenfolge der Tattoos, an denen sie sich nach wie vor erfreuen, werden nach und nach enthüllt. Gelegentlich können sie sich nicht mehr daran erinnern, welches Tattoo zu welcher Episode ihres Lebens gehört. Man hört von Russlandfeldzug und Gefangenschaft, von Sehnsucht und Seemannsleben, Anfeindungen uns Ausgrenzungen.
Das außerordentlich liebevolle Porträt der 'Bilderbuchmenschen' ist ein Dokumentarfilm geworden, der von der Aufgeschlossenheit seiner drei Helden profitiert, die als herzliche Verwandte des berühmten Harpuniers Quiqueg aus Herman Melvilles 'Moby Dick' für sich einnehmen. Einer ihrer Freunde, 'Tattoo-König' Theodor Vetter, ehemaliger Seemann, ist am 13.07.2004 mit 72 gestorben. Der Film ist hochinteressant, teils urkomisch und vermittelt nebenbei eine kleine Sittengeschichte der Tätowierkunst.

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